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Eislawinen – unterwegs nach Norden

Eislawinen – unterwegs nach Norden

Die Entwicklung der Eiscafés und der Exodus nach Deutschland

Von der Geschichte des Gelato war hier schon häufig die Rede – ebenfalls von der Verbreitung des Eishandwerks auf verschiedenen Kontinenten. Aber nirgendwo war die Entwicklung des Gelato so intensiv wie hierzulande – und so kam es dazu.

Günstige Bedingungen

In Deutschland hat die progressive Erhöhung des Lebensstandards von den 1950er Jahren bis heute zu einem beachtlichen Anstieg des Verbrauchs vor allem bei Luxusgütern geführt. So ist das Gelato nicht mehr nur eine Belohnung für brave und priviligierte Kinder, sondern ein für jedermann und praktisch jederzeit erschwingliches Lebensmittel geworden.

Seit den 1960er Jahren hat Deutschland einen kontinuierlichen wirtschaftlichen Aufschwung und einen wahren Geschäftsboom erlebt. Folglich sind in den deutschen Städten und vor allem in den Touristenorten zahlreiche Eiscafés eröffnet worden, wo das auch aus den nordischen Ländern kommende Publikum gelernt hat, Eis als Ersatz für das Mittagessen zu betrachten.

Bessere Technik

Diese Zeiten brachten auch Unternehmen für die Produktion von Maschinen hervor – und haben dem Speiseeishersteller ausgereiftere Arbeitssysteme zur Verfügung gestellt. Etwa die Einführung der horizontalen Eismaschine hat es dem Speiseeishersteller erlaubt, die Arbeitszeiten, die körperliche Arbeit und den Reinigungsaufwand deutlich zu verringern, wobei der Umstand, dass ab diesem Moment auch Frauen bequem in der Eisherstellung arbeiten konnten, nicht zu vernachlässigen ist.

Zugleich erlebte der automatische Pasteurisierer eine starke Verbreitung, hygienisch einwandfreie Konservierungsbehälter und Tiefkühler wurden in Betrieb genommen. Beim Verkauf sorgte die Entwicklung der Umluft-Kühlvitrinen dafür, dass das Produkt für den Verbraucher sichtbar wurde, was den Verkauf nochmals gesteigert hat.

Mehr Zutaten und Service

Auch in Sachen Zutaten gab es eine starke Entwicklung – eine breitgefächerte Palette an ausgewählten und garantierten Produkten steht zur Verfügung und ermöglicht dem Gelatiere, qualitativ hochwertiges Speiseeis in den unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen herzustellen.

Inzwischen sind wir in den 1970ern angekommen – das Angebot von auf Zucker, Milchpulver, Behälter, Hörnchen und Zubehör spezialisierten Firmen hat sich vervielfacht; es ist ein breitgefächertes und gegliedertes Netz von Vertriebsfirmen entstanden, die spezialisiert sind auf Artikel für Eiscafés. Alles sofort vor Ort.

Der Anstieg der Zahl der Eiscafés hat zu mehr Unternehmen für Produkte beigetragen, die es ihrerseits dem Speiseeishersteller erlaubt haben, neue Angebote zu präsentieren, das ganze Jahr hindurch. Hinzu kommt die immer größere Sortenpalette: Gab es bisher höchstens ein Dutzend Sorten, so präsentiert sich in den 1980ern der Großteil der Eiscafés mit einem breitgefächerten Qualitätsangebot, das für jedes Bedürfnis und jeden Geschmack etwas zu bieten hat.

Gelato „to go“

Zwischen den 1970er und 1980er Jahren sind verschiedene Lokale mit neuer Konzeption entstanden, die vor allem den Mitnahmebereich verstärkten. Der Einsatz von Papierbechern für den Transport vom Eiscafé nach Hause und die Benutzung von Gefrierschränken in jeder Familie ermöglichen es, Eis auch zu Hause zu essen.

Hörnchen und Becher haben den klassischen „Impulskauf” möglich gemacht. Aus diesem Grund gelten sie als Symbol des handwerklich hergestellten Speiseeises.

Jenseits des Handwerks

Genau hier – beim Impulskauf – kommt nun auch der natürliche Feind des Eishandwerks zum Zuge: Die Industrie. Massenweise wird Eis am Stiel produziert und inzwischen an jedem Kiosk, im Laden oder an der Tankstelle verkauft – eine Entwicklung, die die Karriere des handwerklich hergestellten Gelato deutlich ausgebremst hat und mit billiger Massenware den Markt saturiert. In der Folge war ein Rückgang der Eiscafés zu verzeichnen.

Quo vadis?

Derzeit gibt es rund 9.000 handwerklich arbeitende Eicafés in Deutschland, von denen aber nur gut ein Drittel eine eigene Produktion haben. Der Eiscafémarkt garantiert ca. 26.000 Arbeitsplätze; es scheint, dass die Branche in Deutschland inzwischen gesättigt ist und nur noch ein leichtes Wachstum zu erwarten ist.

Die Anstrengungen der Gelatieri konzentrieren sich nun auf die Festigung der erreichten Positionen.

A tavola! / 11. Jahr / Nr. 3 / Mai 2017

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