Handwerklich hergestellte Speiseeis

Familiengeschichte der Eismacherdynastie Olivier in Bremerhavener Museum

 Olivier Familiengeschichte
PDF, 2.01 MB

 

Familiengeschichte einer italienischen Eismacherdynastie in Bremerhavener Museum
Deutsches Auswandererhaus erzählt die Biografie der Familie Olivier (Eiscafé Olivier in Wolfsburg)

Deutschland war und ist ein Ein- und Auswanderungsland. Seine Wirtschaft und Gesellschaft ist in den letzten 300 Jahren stark geprägt worden von Menschen, die hierher kamen, um Arbeit und ein neues Zuhause zu finden. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit jedoch sind auch Deutsche immer wieder ins Ausland gegangen, vor allem in die USA. Die Geschichten dieser Menschen erzählt das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven. Seit 2005 begleiten die Besucher eine von 18 Auswanderergeschichten in die Neue Welt und seit Ende April 2012 auch eine von 15 Einwanderergeschichten nach Deutschland. Die Aus- und Einwanderer führen die Besucher dabei mitten in die Geschichte.

Eine dieser Familiengeschichten ist die von Silvio Olivier, der in den 1950er Jahren das Eiscafé Olivier in der Porschestraße in Wolfsburg eröffnet. Silvio stammt aus einer oberitalienischen Eismacherdynastie, die sein Großvater Valentino begründete. Valentino beginnt 1889 mit der Herstellung von Speiseeis, das er während der Sommermonate in den Straßen Süddeutschlands verkauft – in hübsch geschmückten Eiswagen. Seine Söhne pflegen diese Tradition. Silvio wird 1907 in Rastatt geboren. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges flieht dessen Familie zurück nach Italien. Nachdem Silvio bei seinem Onkel im Elsass das Eismacherhandwerk erlernt, kehrt er zwar nach Italien zurück, doch in den 1930er Jahren zieht es ihn erneut ins Ausland. Im sächsischen Werdau baut Silvio eine Eisdiele auf. Die schlechte wirtschaftliche Lage in der DDR und ein zunehmender Freiheitsdrang bewegen ihn und seine Familie jedoch, 1953 heimlich nach Westberlin zu fliehen. Wenige Monate später lässt er sich mit einem Ladenlokal in Wolfsburg nieder – fast zehn Jahre bevor die italienischen „Gastarbeiter“ im Volkswagen-Werk Einzug halten. Seit Anfang 2012 führt Silvios Enkel Dino den Familienbetrieb in dritter Generation weiter.

Während Silvio Oliviers Weg von Italien über Frankreich nach Deutschland führt, entscheidet sich die Bremerhavenerin Martha Hüner, ihrem Heimatland den Rücken zuzukehren und in einem anderen Land eine gut bezahlte Arbeitstelle zu finden. Sie wandert in die USA aus. Auch ihre Biografie wird in dem preisgekrönten Erlebnismuseum erzählt. Während des Rundgangs begleiten die Besucher einen Auswanderer und einen Einwanderer auf seinem bzw. ihrem Weg in eine neue Heimat und erfahren währenddessen von den Strapazen der Reise: vom Aufbruch, der mühseligen Überfahrt und der Ankunft in der Neuen Welt. Dank der Nachbildung historischer Kulissen erleben die Gäste die Zeitreise, als wären sie es selbst, die auswanderten. Über die Gangway besteigen sie etwa das abfahrbereite Segelschiff und erschrecken über die schlechte Essensversorgung und die Enge an Bord.

Die Hausangestellte Martha Hüner hatte ihren Vater zunächst überreden müssen, sie auswandern zu lassen. Martha brauchte seine Erlaubnis, da sie erst 17 Jahre alt und damit minderjährig war. Als sie die Koffer packt, legt ihr der Vater ein Familienerbstück hinein: eine Pferdebürste. Sein Kommentar: „De nimm du man mit. Ick krieg in Bremerhaven doch keen Perd mehr. Gewiss heiratst du in Amerika ’n Cowboy.“ Ihre Tanten, die bereits in Amerika waren, versprachen Martha sehr gute Aussichten, bürgten für sie und bezahlten ihre Reise, die anders aussah als eine Überfahrt im Zwischendeck eines Segelschiffes. So viel Luxus habe sie noch nie gesehen, schreibt sie nach Hause. Als sie im Dezember 1923 in New York eintrifft, holt ihre Tante Käthe sie ab und gemeinsam fahren die beiden durch das weihnachtlich geschmückte New York. Neun Jahre später ist Martha verheiratet und eröffnet mit ihrem Mann, dem aus Hameln stammenden Willy Seegers, zwei Bäckereien in New Jersey. Und trotzdem kommt die Pferdebürste stets zum Einsatz: Weit entfernt von ihrem ursprünglichen Zweck dient sie nun dazu, die Krümel vom Tresen der Bäckerei zu entfernen…

Immer wieder entdecken die Besucher während ihres Rundgangs Kapitel der Lebensgeschichte Martha Hüners. Doch sie hören an verschiedenen Multimediastationen nicht nur ihre Biografie, sondern auch die von 17 weiteren Auswanderern – und erfahren von deren Zweifeln und Furcht, aber auch von der Hoffnung auf ein besseres Leben. Und wie die Nachfahren von dem Mut des Auswanderers profitierten.

Mit den beispielhaften Biografien werden die historischen Hintergründe sowie die Zahlen und Fakten der Auswanderung über Bremerhaven von 1830 bis 1974 lebhaft und wirklichkeitsnah vermittelt. Warum hier mehr als sieben Millionen Menschen auswanderten, das erfährt der Besucher des Museums nicht nur, er erlebt es.

Seit der Erweiterung des Deutschen Auswandererhauses Ende April 2012 reisen die Gäste weiter in das Landesinnere der USA. In einem Nachbau des New Yorker Bahnhofs Grand Central Terminal entdecken sie, wie sich die deutschen Auswanderer und ihre Nachfahren als Einwanderer in ihrer neuen Heimat einlebten, sich ein neues Zuhause schufen und wo sie Arbeit fanden.

Über eine Brücke gelangen die Besucher in den neu eröffneten Erweiterungsbau, der sie zurück nach Deutschland führt. Sie befinden sich in einer rekonstruierten Ladenpassage aus dem Jahr 1973 – das Jahr, in dem die Bundesregierung den Anwerbestopp für ausländische Arbeitskräfte verhängte. Hier begeben sich die Gäste auf eine persönliche Spurensuche und lernen inmitten von Alltagsgegenständen 15 bewegende Familiengeschichten von Einwanderern und ihren Nachfahren kennen, die seit dem 17. Jahrhundert nach Deutschland gekommen sind. Es sind die Geschichten der größten und bedeutendsten Einwanderergruppen in Deutschland: Vertriebene und Flüchtlinge des Zweiten Weltkrieges, Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien, „Gastarbeiter” und „Russlanddeutsche” in der Bundesrepublik Deutschland, vietnamesische „Vertragsarbeiter“ in der DDR, aber auch mehr regional angesiedelte Gruppen wie die Berliner Hugenotten, die Ruhrpolen und die westfälischen Tödden.

In den Geschäften und Schaufenstern der Ladenpassage befinden sich neben den üblichen Waren der 60er- und 70er-Jahre auch Fotos, familiäre Erinnerungsstücke und Dokumente der Einwandererfamilien – unter anderem der Familie Olivier. So findet der Besucher im Kaufhaus nicht nur die originalen Eisbecher und Eisportionierer, sondern zum Beispiel im Frisörsalon diverse Haarschneide-Utensilien, die einst Silvio gehörten. Was es damit auf sich hat, das erfährt man im Deutschen Auswandererhaus: Als es für Silvio aufgrund der Lebensmittelknappheit während des Zweiten Weltkriegs in Sachsen schwierig ist, Zutaten für seine Eisproduktion zu besorgen, verdient er sich mit dem Haareschneiden etwas Geld.

www.dah-bremerhaven.de

Related Articles