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Eiskalte Leidenschaft

In Deutschland gibt es rund 4000 Eiscafés. Die meisten von Italienern geführt, die aus dem Zoldotal in den Dolomiten stammen. Wir stellen vor, wie mit ihnen das Speiseeis nach Deutschland gekommen ist.

Meist lag noch Schnee im Zoldotal, wenn sich Giovanni Martini wie jedes Jahr im März auf den beschwerlichen Weg von den Dolomiten ins Ruhrgebiet machte. Seinen Eiskarren hatte er in einem Schuppen in Recklinghausen untergestellt. Von 1903 bis 1913 zog der Gelatieri hier jeden Sommer mit der kalten Köstlichkeit durch die Straßen. „Eismachen war von Beginn an ein saisonales Gewerbe, das die Familien über Monate auseinanderriss. Die Wintermonate verbrachten und verbringen die meisten Gelatieri bis heute in ihren Heimatdörfern in Italien“, weiß Historikerin Anne Overbeck, die sich für das Industriemuseum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in Bochum mit den Eismachern beschäftigt hat.

Giovanni Martini
Giovanni Martini mit seinem Eiskarren 1910 in Recklinghausen

Das Eis kam über die Diele Der Ursprung der italienischen Eismacher liegt in den zwei kleinen Tälern Zoldo und Cadore in den Dolomiten. Seit über 100 Jahren macht sich ein Großteil der Bewohner im Frühjahr auf den Weg in den Norden, um in Deutschland, den Niederlanden, Österreich oder anderen europäischen Staaten als Eismacher zu arbeiten. Die Saisonarbeit hat in den Dolomiten eine lange Tradition.

Die Kinder blieben bei den GroßelternOverbeck: „Da sich viele Gelatieri in den Anfängen keine teuren Lokale leisten konnten, meldeten sie ihre Geschäfte in ihren Wohnungen an und verkauften das Eis aus den Fenstern im Erdgeschoss. Damit die Kundschaft an die Öffnung heranreichen konnte, befestigten sie Holzbretter – Dielen – unter den Fenstern.“ Daher der Name „Eisdiele“. Ein regelrechter Boom setzte in den 1950er-Jahren ein. „Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und die erste Reisewelle nach Italien Kurbelten die Nachfrage an“, ergänzt Museumsleiter Dietmar Osses.

De Lorenzo
Traditions-Eisdiele De Lorenzo in Witten in den 1960er-Jahren

Während in den Anfängen die jungen Männer noch allein ins Ausland gingen und die Fraulen in Italien mit den Kindern zurückblieben, war es spätestens in den 1950er-Jahren üblich, dass die Ehefrauen ebenfalls mit nach Norden reisten. Dies stellte die Familien vor besondere Herausforderungen. Die Kinder blieben bei den Großeltern in Italien oder besuchten ein Internat. In den Monaten der Trennung blieben die Familien per Brief und später per Telefon miteinander in Kontakt.

„Gegenwärtig befindet sich das Eismacherhandwerk im Wandel“, lautet das Fazit der Bochumer Eisforscherin. Die traditionellen Familienbetriebe leiden unter Nachwuchsmangel und der wachsenden Konkurrenz durch andere Anbieter. Mittlerweile werden auch etliche „italienische Eisdielen“ nicht mehr von traditionsbewussten Eismachern aus dem Zoldo-oder Cadore-Tal betrieben, sondern von Deutschen oder Zuwanderern aus anderen Regionen Europas.

Peter Erik Felzer

NEUE APOTHEKEN ILLUSTRIERTE
15 JULI 2010

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