Nahrungsmittel

Vereinte Digestivo-Kraft

Der caffè corretto – ein Digestivo perfetto!

Wenn es in Italien bereits im 19. Jahrhundert üblich war, einen Espresso nicht nur zwischendurch, sondern gerade nach den Mahlzeiten zu trinken, so hatte dies seine guten Gründe. Tatsächlich hilft das Koffein nicht nur über die sich häufig nach dem Essen einstellende Trägheit hinweg, es fördert auch die Bildung von Magensäure und aktiviert die Galle, was einer wirklichen Verdauungsanregung entspricht.
Wenn der „Espresso danach“ also einer traditionellen Sitte entspricht, was soll man dann erst vom Corretto halten – überall in Italien wird er in den verschiedensten Varianten getrunken. Als wäre der Espresso allein nicht intensiv genug, wird er mit einem Schuss Grappa, Brandy, Cognac, Sambuca oder anderen regionalen Hochprozentigen veredelt.
So wie sich die Zusatzstoffe unterscheiden, so gehen auch die Rituale des Genusses auseinander: Während man in der Lombardei und im Piemont üblicherweise etwa 2 Cl Grappa in den Espresso schüttet, achtet man in Mittelitalien darauf, die Grappa vorher leicht zu erwärmen, damit der Klare die Temperatur des Caffè nicht allzu sehr nach unten zieht.
Im Friuli und im Veneto widerrum trinkt man zunächst den Espresso schwarz mit Zucker und spült dann den letzten Schluck mit etwas Grappa aus – dieser letzte Schluck, im örtlichen Dialekt „Resentin“ genannt, soll der magische kleine Unterschied sein, der die Friulaner in den Auseinandersetzungen der Antike stärker als deren Feinde gemacht haben soll… Vermutlich ein ähnlicher Mythos wie der vom gallischen Zaubertrank, Asterix und Obelix lassen grüßen. Allerdings kann man dem „Resentin“ tatsächlich eine aktivierende Funktion zusprechen, zumal sich hier das Destillat mit dem Zuckersatz zu einem wahren Kraftpaket verbindet.
All diese Rituale vereinen die Wirkungskraft von zwei Digestivi, womit die Wirkung kaum mehr in Frage gestellt werden kann. Hinzu kommt die erfrischende Wirkung des Koffeins, was den vom Speisen ermüdeten Körper gut auf den weiteren Verlauf des Abends einstellt – schon deshalb wird der Corretto oder ein Caffè-Cocktail in der abendlichen Szene hoch geschätzt.
Allerdings wird die Genussform des Corretto oft als eine rauhe oder gar barbarische Sitte bezeichnet, denn tatsächlich überdeckt der Espresso geschmacklich die Feinheiten einer guten Grappa derart, dass es eigentlich schade darum ist – was umgekehrt natürlich die Möglichkeit eröffnet, den Corretto mit weniger edlen Tropfen nur vermeintlich zu veredeln, was widerrum ganz bestimmt einer rauhen Sitte entsprechen würde.
So hat sich inzwischen auch wieder der Trend etabliert, den Cocktail wieder aufzulösen und beides – Espresso und Grappa – getrennt zu bestellen. Dies bedeutet zwar, dass wir nun ein Glas mit der doppelten Menge Grappa, Brandy oder Cognac bekommen, als es für einen Corretto erforderlich gewesen wäre – aber dies gibt uns auch die Freiheit, unsere Sinne zu testen: Ein kleiner Schluck – etwa Brandy – vorweg, dann den Espresso, und mit dem Kaffeegeschmack am Gaumen den zweiten Schluck Brandy – und dazwischen genug Zeit, um die Entfaltung der Aromen auf der Zunge zergehen zu lassen – wie wir es auch bei einem guten Essen in Begleitung eines guten Weins schätzen.
Cocktail-Liebhaber bevorzugen hier den gemixten Drink, bei dem der Espresso aber ganz schnell gekühlt werden muss, um seine geschmacklichen Eigenschaften zu bewahren. Lässt man ihn einfach abkühlen, so wird er bitter – schade um den Late- Night-Longdrink!

A tavola!
6 / November 2009

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